Andacht zum 10. Mai 2020 von Pfarrerin Wiebke Heine - Evangelische Kirchengemeinde Gütersloh

Liebe Gemeinde,

der Name dieses Sonntags trägt den Namen „Kantate“ – Singt!

In der Tat wären unsere Gottesdienste gar nicht denkbar ohne Musik und Gesang. Martin Luther vertrat die These, dass der, der singt, doppelt betet – entsprechend leben unsere Gottesdienste auch von dem Gesang der Gemeinde, von der Musik, die unsere zahlreichen Chöre und Bläserchöre im Gottesdienst zu Gehör bringen und natürlich von der Orgel, der Königin der Instrumente. Wenn wir ab dem 17. Mai endlich wieder Gottesdienst feiern dürfen, ist aber genau der Gesang das, was wir aufgrund drohender Ansteckungsgefahr mit dem Corona-Virus nicht tun dürfen. Das ist schade und wird uns allen sicherlich mehr als schwer fallen, es muss uns aber nicht daran hindern, trotzdem auch mal ein geistliches Lied vor uns hin zu summen und dabei zu bedenken. In diesem Sinne lade ich Sie und euch herzlich ein, das Wochenlied des Sonntags Kantate „Du meine Seele, singe“ zu singen, trällern, pfeifen. Paul Gerhardt hat dieses Lied als

Nachdichtung des Psalms 146 verfasst.

Paul Gerhardt war nicht nur Dichter, er war Pfarrer und Theologe – und wusste, dass hier im hebräischen Originaltext das Wort „nefesch“ steht. Dieses Wort, das meist mit „Seele“ übersetzt wird, bedeutet wörtlich „Kehle“, also den Ort im Körper, aus dem das Lob erklingt, die Sprache, der Gesang. „Gott loben“, Gott singen, ist etwas Ganzheitliches, mein ganzer Körper ist gefordert und meine Gefühle sind auch angesprochen. Genau darum kann Paul Gerhardt hier die Seele zum Singen auffordern, denn Kehle und Seele haben durchaus etwas miteinander zu tun: Viele Ängste und Sehnsüchte, viele seelische Empfindungen werden mit Hilfe meiner Kehle ausgedrückt. Die Kehle kann wie zugeschnürt sein, aber sie kann auch die eigene Stimmung, die eigene Stimme hindurchlassen und weinen oder schluchzen, brummen oder summen, oder auch singen, lachen, juchzen, jubeln und loben.

 

Im 146. Psalm betet der Psalmist:

Hallelujah! Lobt Gott!

Meine Lebenskraft lobe den Heiligen.

Ich will den Heiligen loben, solange ich lebe,

ich will für meinen Gott musizieren, solange ich bin.

Vertraut nicht auf Vornehme,

auf Menschen, bei denen keine Hilfe ist.

Verlässt sie ihr Geist, werden sie wieder zu Erde,

an jenem Tag, an dem ihre Pläne verloren gehen.

Glücklich die Menschen, deren Hilfe der Gott Jakobs ist,

deren Hoffnung sich auf den Heiligen, ihren Gott, richtet,

der Himmel und Erde gemacht hat,

das Meer und alles, was in ihm ist,

der seine Zuverlässigkeit ewig bewahrt.

Er schafft den Unterdrückten Recht,

gibt den Hungrigen Brot,

der Heilige lässt die Gefangenen frei.

Der Heilige öffnet die Augen der Blinden,

der Heilige richtet die Gebeugten auf, der Heilige liebt die, die gerecht handeln.

Der Heilige bewahrt die Fremden,

Waisen und Witwen richtet er wieder auf,

aber den Weg der Gewalttätigen macht er krumm.

Der Heilige herrscht ewig,

dein Gott, Zion, von Generation zu Generation.

Hallelujah, lobt Gott!

 

(Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache; „nefesch“, die Kehle oder die Seele, wird hier als „Lebenskraft“ übersetzt)

 

“Du, meine Seele, singe, wohlauf und singe schön”, so hat Paul Gerhardt gedichtet. Und wie ist es bei mir? Müssten die Werke Gottes, wie sie im Psalm aufgezählt sind, nicht auch bei mir einen Lobgesang auslösen? Die Worte gehen in mein Ohr, aber gelangen sie auch tief genug in mein Herz? Lösen sie dort einen unmittelbaren Lobgesang aus? Ich glaube, eine Schwierigkeit liegt schlicht und ergreifend darin, dass diese Zusagen mich in Wirklichkeit nicht betreffen. Ich bin weder unterdrückt, noch leide ich Hunger, ich bin weder blind noch von einer schweren Krankheit betroffen, ich bin nicht fremd in diesem Land und musste auch nicht als Waisenkind aufwachsen. Es geht mir so gut, dass ich immer Gefahr laufe, Gott zu vergessen und ihm für seine Werke zu danken. Immer wieder gibt es Zeiten in meinem Leben, in denen Gott bestenfalls als einer vorkommt, der im fernen Himmel thront, überirdisch und unnahbar, ein Gott, von dem ich gar nicht erwarte, dass er in mein Leben eingreift.

Ich glaube, für Menschen wie uns, die in einem reichen mitteleuropäischen Land leben, ist es nicht leicht, die Kraft der Worte des 146. Psalms nachzuspüren. Vielleicht haben wir ja sogar Angst davor, dass sich dieser Gott uns zu sehr nähert. Denn dann könnte es ja sein, dass er uns und unser geordnetes Leben stört. Eigentlich ist das Bild von einem lieben Gott im Hintergrund doch ganz schön, der mit seiner Allmacht dafür sorgt, dass alles so bleibt, wie es ist und keine einschneidenden Veränderungen passieren.

Aber: Wer Gott in einen entlegenen Himmelswinkel entrückt, tut damit zweierlei: Erstens: Er verlässt sich auf sich selbst und/oder auf andere Menschen, Machthaber, Aufschwungversprecher und Gesundheitsversicherer. Der Beter des 146. Psalms warnt eindringlich vor solch einer Haltung. Es ist gefährlich, sagt er, sich auf Menschen zu verlassen, bei denen es am Ende eben doch keine Hilfe gibt.

Das Zweite ist, dass ich mich von Gott nicht mehr ansprechen lasse auf meine Verantwortung für Frieden und Gerechtigkeit in dieser Welt und für die Bewahrung der Schöpfung.

Dabei sollen wir Christinnen und Christen wissen, dass Gott kein ferner Gott ist. Dass unser Gott sich nicht in eine entlegene Ecke drängen lässt. Mindestens an Weihnachten und in der Passions- und Osterzeit erinnern wir uns daran, dass Gott ein menschennaher Gott ist, ein Gott, der auf der Seite der Menschen steht, die in und an ihrem Leben leiden. Gott ist nicht im Himmel zu suchen, sondern auf der Erde! Er kommt uns nahe, wo wir ihn möglicherweise gar nicht erwarten: in einem Hungernden, in einer Gefangenen, in einem sexuell missbrauchten Mädchen oder in einem kleinen Jungen, der ohne Vater aufwachsen muss, weil die Eltern sich getrennt haben. Vielleicht wird Gott uns in ihnen richtig lästig, er stört uns in unserem Alltagsleben. Weil Gott will, dass wir an der Gerechtigkeit in dieser Welt mitwirken. Er möchte nicht nur unsere Augen öffnen für die schreiende Ungerechtigkeit in dieser Welt. Er möchte, dass wir dagegen angehen, dass wir eintreten für mehr Frieden und für eine Zukunft, in der unsere und alle Kinder in Freiheit und ohne Angst aufwachsen können.

„Gerechtigkeit ist ein Name für Gott in der Hebräischen Bibel“, hat die große Theologin Dorothee Sölle einmal zusammenfassend über das Alte Testament, die Hebräische Bibel gesagt. Auch unser Psalm ist solch eine Zusammenfassung. Gott ist ein Gott der Gerechtigkeit, das wird hier aufgedröselt und konkretisiert: Die Unterdrückten sollen Recht erhalten, Hungrige zu essen bekommen, Gefangene frei werden und Blinde sehen. Gebeugte werden aufgerichtet und Fremde – wir würden heute sagen: Migrantinnen, Flüchtlinge und Asylsuchende – bewahrt, Waisen und Witwen wird geholfen. Gott liebt Gerechte, diejenigen, die seine Gerechtigkeit tun, in seinem Geist handeln. Die die Tora, die Worte der Schrift, nicht nur hören, sondern auch tun.

Jeder Blick in die Zeitung, aber oft auch schon ein Blick über den Zaun in die Nachbarwohnung zeigt mir, wie ungerecht es auf der Welt zugeht. Gewalt gegen Frauen und Kinder, Arbeitslosigkeit und Entlassungen, damit der Konzern noch größere gewinne einfährt, sklavenähnliche Produktionsbedingungen für Millionen Frauen, die unsere billigen T-Shirts und Turnschuhe herstellen...Von Gerechtigkeit sind wir weit entfernt. Gott steht auf der Seite der Unterdrückten, derjenigen, denen Unrecht geschieht.

Aber Gott beseitigt dieses Unrecht nicht durch ein Fingerschnipsen. „Gott ist stärker als alles Leid dieser Welt und kann es trotzdem nicht verhindern. Das verstehe, wer will oder kann. Ich verstehe es nicht. Aber es ist das, was ich erlebe.“ Hat die Dichterin Carola Moosbach gesagt.

Gerade weil die Welt nicht gerecht ist, sind die Lobgesänge, wie unser Psalm einer ist, so wichtig. Im Lobpreis der Gerechtigkeit Gottes erinnern wir uns an unsere Vision, unsere Hoffnung auf eine gerechte Welt. In der die Herrschaft Gottes aufgerichtet ist, wie der letzte Vers unseres Psalms sagt. Die Erinnerung an diese Vision erinnert uns auch daran, dass wir es sind, die an dieser Vision mitarbeiten können. Auch in unserer Kirche, auch im Gottesdienst.

Gerechtigkeit heißt mehr als Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen. Gerechtigkeit in biblischem Verständnis heißt nicht nur, obgleich das schon viel ist, gleiche Rechte und Gesetze für alle. Wir müssen genauer hinschauen, wer was braucht, um zu seinem, zu ihrem Recht zu kommen. Nicht für alle das gleiche, sondern für jeden das, was er oder sie braucht für ein erfülltes Leben, ein Leben in Fülle. Das ist die Gerechtigkeit Gottes.

Halleluja. Diesen Gott der Gerechtigkeit will ich gerne mit meiner ganzen Lebenskraft loben, solange ich lebe. Lobt Gott, lobt den Heiligen! Halleluja. Amen!

 

Du meine Seele, singe

1) Du meine Seele, singe, / wohlauf und singe schön
dem, welchem alle Dinge / zu Dienst und Willen stehn.
Ich will den Herren droben / hier preisen auf der Erd;
ich will Ihn herzlich loben, / solang ich leben werd.

2) Wohl dem, der einzig schauet / nach Jakobs Gott und Heil!
Wer dem sich anvertrauet, / der hat das beste Teil,
das höchste Gut erlesen, / den schönsten Schatz geliebt;
sein Herz und ganzes Wesen / bleibt ewig ungetrübt.

3) Hier sind die starken Kräfte, / die unerschöpfte Macht;
das weisen die Geschäfte, / die Seine Hand gemacht:
der Himmel und die Erde / mit ihrem ganzen Heer,
der Fisch unzähl´ge Herde / im großen wilden Meer.

4) Hier sind die treuen Sinnen, / die niemand Unrecht tun,
all denen Gutes gönnen, / die in der Treu beruhn.
Gott hält sein Wort mit Freuden, / und was Er spricht, geschicht,
und wer Gewalt muß leiden, / den schützt Er im Gericht.

5) Er weiß viel tausend Weisen, / zu retten aus dem Tod,
ernährt und gibet Speisen / zur Zeit der Hungersnot,
macht schöne rote Wangen / oft bei geringem Mahl;
und die da sind gefangen, / die reißt Er aus der Qual.

6) Er ist das Licht der Blinden, / erleuchtet ihr Gesicht;
und die sich schwach befinden, / die stellt Er aufgericht´.
Er liebet alle Frommen, / und die Ihm günstig seind,
die finden, wenn sie kommen, / an Ihm den besten Freund.

7) Er ist der Fremden Hütte, / die Waisen nimmt Er an,
erfüllt der Witwen Bitte, / wird selbst ihr Trost und Mann.
Die aber, die Ihn hassen, / bezahlet Er mit Grimm,
ihr Haus und wo sie saßen, / das wirft Er um und um.

8) Ach ich bin viel zu wenig, / zu rühmen Seinen Ruhm;
der Herr allein ist König, / ich eine welke Blum.
Jedoch weil ich gehöre / gen Zion in Sein Zelt,
ist´s billig, daß ich mehre / Sein Lob vor aller Welt.

 

 

 

 

 

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