Andacht zum 4. Advent von Pfarrer Ulrich Klein - Evangelische Kirchengemeinde Gütersloh

Ja, liebe Gemeinde, Maria ist uns Evangelischen immer noch ein bisschen fremd.

Ist Ihnen das auch so gegangen, als wir ihren Lobgesang im Wechsel gebetet haben und wir ihre Geschichte aus dem Lukasevangelium gehört haben ?

Maria – die gehört doch gefühlt eher in die katholische Kirche ? Oder ?

In der Tat: 

  • der Gedanke ihrer immer währenden Jungfrauenschaft
  • sie als Adresse von Gebeten: „Heilige Mutter Gottes erhöre uns … heilige Mutter Gottes bitte für uns.“
  • bis hin zu ihrer unbefleckten Empfängnis und ihrer Himmelfahrt

all das gehört in die katholische Tradition und ist uns trotz aller Ökumene immer noch ein bisschen fremd.

Aber Maria ist trotzdem fester Bestandteil der biblischen Botschaft. Wir haben es ja gerade gehört. Und es gibt noch viel mehr Texte im Neuen Testament, in denen sie vorkommt – bis hin zur weinenden Maria unter dem Kreuz Jesu.

Maria ist ja auch für uns die Mutter Jesu. Und damit nimmt sie unter den Frauen des Neuen Testaments eine herausragende Rolle ein.
Und deshalb dürfte sie eigentlich gerne mehr als einmal im Jahr im Mittelpunkt eines evangelischen Gottesdienstes stehen.
Heute möchte ich jedoch nicht über die Zumutung nachdenken, die die Botschaft des Engels Gabriel für sie bedeutete.

Auch soll es nicht um Josef gehen, der sie nach dem Matthäusevangelium heimlich verlassen wollte, als sie plötzlich schwanger war und er sich sicher war, dass er nicht der Vater sein konnte.

Es geht auch nicht um Marias Sorge, als der 12jährige Jesus in Jerusalem verloren gegangen war.

Und ich will auch nicht darüber nachdenken, wie weh es ihr getan haben muss, als ihr eigener Sohn sie mit den Worten verleugnete: „Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“

Nein, ich möchte heute darüber staunen, mit welchen Worten und Gesten und Bildern das Lukasevangelium versucht die größtmögliche Freude zum Ausdruck zu bringen.

Heute soll es deshalb um das hüpfende Kind im Leib der Elisabeth gehen, von dem wir gerade in der zweiten Lesung gehört haben – das Kind, das später einmal als Johannes der Täufer wichtig werden sollte.

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Wer als Frau selbst ein Kind bekommen hat, der weiß, wie sehr der Moment in Erinnerung bleibt, in dem sie das erste Mal Bewegungen ihres Kindes in sich gespürt hat.

Und dann dauerte es meist ja noch eine Weile, bis diese Bewegungen so stark wurden, dass sie auch der werdende Vater spüren konnte, wenn er seine Hand auf den Bauch seiner Frau legte.

Das sind bewegende Momente – Momente, die weder die Frau noch der Mann je vergessen.

Bei Elisabeth war es schon der 6. Monat ihrer Schwangerschaft, als Maria sie nach der Ankündigung des Engels besuchte. Bei Maria sollte es also noch ein bisschen dauern, bis auch sie die ersten Bewegungen ihres Kindes spüren würde.

Und dann geschah es: als sie in das Haus ihrer Verwandten Elisabeth kam, da hüpfte Johannes im Leib seiner Mutter.

Und er hüpfte vor Freude – gleichsam als würde das Kind im Mutterleib genau wissen, wer da zu Besuch gekommen ist.

Ich finde: Freude kann man durch kaum ein anderes Bild tiefer und anrührender und besser zum Ausdruck bringen.

Elisabeth versucht es anschließend mit Worten:

„Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wie geschieht mir, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt ?“

Doch diese Worte verblassen hinter dem vor Freude strampelnden Kind im Mutterleib.

Und so wundert es auch nicht, dass für Jesus Kinder immer eine besondere Rolle gespielt haben:

  • ob bei der Segnung der Kinder
  • oder wenn er vor seine Jünger ein Kind stellt und sagt: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“

Also: Kinder als Vorbild im Vertrauen.
Kinder, die von Hass und Neid und Macht und Verschlagenheit und Bosheit und von so vielem anderen noch nichts wissen.

Das alles lernen sie erst von uns Erwachsenen, nachdem sie das Licht der Welt erblickt haben.

Und wenn ich genauer darüber nachdenke, dann fällt mir nur ein Mensch ein, der diese hässliche Seite unseres Menschseins nicht mehr oder weniger gelernt und übernommen hat – und das war das Kind, das Maria erwartete, das Kind, das ein anderes Kind dazu gebracht hat, voller Freude im Mutterleib zu strampeln und so diesen Jesus zu begrüßen.

So verkündet jeder Fußtritt des Johannes die frohe Botschaft von der Ankunft Gottes in dieser Welt.

Und er lädt uns ein, auf diesen Jesus zu achten und uns an dem zu orientieren, was er als Erwachsener später einmal sagen und vorleben sollte.

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Seit nunmehr 3 Wochen versuchen auch wir uns in der Adventszeit auf das Kommen Jesu vorzubereiten.
Und in diesem Jahr ist alles anders, als sonst.

Aber ich finde genau darin liegt auch eine Chance.
Denn sonst ist die „Heilige Zeit“ immer auch eine überaus „Eilige Zeit“ gewesen – eine Zeit, in der das Eigentliche schon einmal in den Hintergrund geraten konnte.
In diesem Jahr ist es anders.
Keine Adventsfeiern, keine Weihnachtsmärkte, keine großen Verwandtentreffs, und alles ein wenig ruhiger – und mit Maske – und mit Abstand. So bekommen wir uns selbst verstärkt in den Blick.

Und wir können uns nicht so leicht aus dem Weg gehen.

Das kann belastend sein.

Aber es bietet auch die Chance die Adventszeit wieder mehr zu dem werden zu lassen, was sie ursprünglich einmal war: eine Zeit der Besinnung, eine Zeit der Vorbereitung und auch eine Fastenzeit.

Die violetten Antependien vor Altar und Kanzel weisen uns auf diesen in den letzten Jahrzehnten immer mehr verloren gegangenen Charakter dieser besonderen Zeit des Kirchenjahres hin.

Auf das Kleine zu schauen – auf die leisen Töne zu hören – und dabei auch sensibler aufeinander zu achten – bewusster über Gott und die Welt nachzudenken – sich selbst dabei auch kritisch zu hinterfragen – zu überlegen, was wirklich wichtig ist und was man als unnötigen Ballast getrost hinter sich lassen kann – und vieles mehr.

Das Hüpfen des Johannes im Mutterleib lädt uns genau dazu ein, indem es auf die Geburt Jesu hinweist.

Und spätestens in 4 Tagen haben wir endgültig vor Augen, dass Gott wirklich den Weg des Kleinen, den untersten Weg nimmt, um uns neu zu erreichen.

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Ja, ein hüpfendes Kind im Mutterleib kann so viel erzählen.

Deshalb möchte ich die verbleibenden Tage bis Weihnachten dazu nutzen, ein wenig zu werden, wie Johannes.

Ich möchte sein Vertrauen auf das, was kommen wird – die Geburt Jesu – mit ihm teilen.

Ich möchte mich von seiner Vorfreude anstecken lassen – und selbst durch mein „Strampeln und Hüpfen“ auch andere einladen ebenfalls ihren Blick auf das Weihnachtsgeschehen zu richten – und sich ebenfalls in der Stille darauf vorzubereiten.

Ich möchte mich durch den Blick auf das Kind im Stall und den Mann von Golgatha von der hässlichen Seite unseres Menschseins abwenden und auf die menschliche Seite schauen, die Jesus später vorgelebt hat, und die Maria in ihrem Lobgesang mit den Worten beschrieben hat:

„Seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihm vertrauen.

Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“

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Das eine Kind schien das alles schon gewusst zu haben und hüpfte deshalb im Mutterleib.

Und das andere Kind sollte später all das sein und tun, was Maria in ihrem Lobgesang besingt.

Und sie, Maria, sollte dieses Kind auf die Welt bringen.

Und über sie heißt es in der Weihnachtsgeschichte des Lukas ein Kapitel später:

„Sie behielt alle diese Ereignisse und Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“

Wie oft wird sie in den folgenden Jahren darüber nachgedacht haben ?

Und als Mutter wird sie Jesu Reden und Tun begleitet haben – mit dem Stolz einer Mutter – aber auch mit den Sorgen einer Mutter.

Ja, auch wir Evangelen sollten ruhig mehr als einmal im Jahr über diese besondere Frau nachdenken.

Amen.

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