Andacht zum 1. Advent von Pfarrer Stefan Prill - Evangelische Kirchengemeinde Gütersloh

Liebe Leserinnen und Leser!

Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem!

Sieh, dein König kommt zu dir, ja er kommt, der Friedefürst.

Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem!

Mit diesen Worten beginnt eines meiner liebsten Adventslieder. Ein Lied, das mich mitreißt, wenn ich es höre. Ob ganz zart gespieltoder mit Pauken und Trompeten zum Klingen gebracht – bereits nach wenigen Tönen spüre ich etwas von der geheimnisvollen Vorfreude, die für mich mit Georg Friedrich Händels festlich-getragener Melodie verbunden ist. Vorfreude auf den Lichterglanz der weihnachtlich geschmückten Straßen und Häuser. Vorfreude auf den hellen Klang vertrauter Advents- und Weihnachtslieder. Vorfreude auf die heimelige Wärme der dicken roten Kerzen am grünen Adventskranz und den Duft der frisch gebackenen Plätzchen. Ein Gefühl, das ich mir trotz der momentanen Einschränkungen nicht nehmen lassen möchte. Das habe ich mir vorgenommen, auch wenn dieser Advent vermutlich ein wenig anders wird als sonst.

Denn so wie wir üblicherweise Advent und Weihnachten feiern, wird es wohl in diesem Jahr nicht sein. Keine volle Kirche beim Krippenspiel, kein Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, keine traditionelle Adventsfeier mit dem Verein oder im Betrieb. Doch zugleich sehe ich, wie viele Menschen sich kreative Gedanken machen, wie sie um Ideen ringen und trotz allem etwas ermöglichen wollen. Adventssingen, Nachtsanggeläut und Turmblasen. Ein lebendiger Adventskranz und ein digitaler Adventskalender. Gottesdienste an vielen ungewöhnlichen Orten. Viele davon draußen unter freiem Himmel. Ja, die Adventszeit wird anders werden, ungewöhnlich womöglich, vielleicht aber auch außergewöhnlich schön. Vorfreude darauf habe ich auf jeden Fall.

Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem!

Nicht nur unser Adventslied, sondern auch der Predigttext für den heutigen Sonntag, beginnt mit diesen Worten. Er findet sich im Buch des Propheten Sacharja im 9. Kapitel:

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du Tochter Jerusalem, jauchze!

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.

Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden.

Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.(Sacharja 9, 9+10)

Freude! Jauchzen! Frieden! Wie helle Glockenschläge klingen die Worte des Propheten Sacharja in meinen Ohren. Sie stammen aus einer Zeit lange bevor Jesus geboren wurde. Den Leuten ging es alles andere als gut. Das Land war seit Jahrhunderten Kriegsschauplatz und dementsprechend sah es auch aus in Jerusalem, der Stadt auf dem Zionsberg. Der Tempel als Ort der Gegenwart Gottes lag in Trümmern. Hunger und Elend waren überall sichtbar auf den Straßen. Alles andere als rosige Zeiten. Und mittendrin steht der Prophet Sacharja und ruft zur Freude und zum Jauchzen. Und er ist sich sicher,dass bessere Zeiten kommen werden. Er kann es regelrecht vor sich sehen, das Leben in Frieden und Gerechtigkeit. Gott wird einen König schicken, der dafür sorgt. Ein Gerechter und ein Helfer wird er sein. Das Warten auf ihn lohnt sich. Irgendwann wird sie sich erfüllen, die Zukunftsvision des Propheten, die Sehnsucht nach einem Leben in Frieden.

Freude! Jauchzen! Frieden! Das jubeln auch sie, die Menschen, die hunderte Jahre später am Wegesrand stehen. In einer anderen Zeit, aber am selben Ort. Palmenzweige liegen verstreut auf dem Weg. Jesus zieht in Jerusalem ein. So wie es der große Prophet Sacharja verheißen hatte. Auf dem Rücken eines Esels. Wir lesen davon im Evangelium des heutigen Sonntags:

Als sie in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr;bindet sie los und führt sie zu mir! Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen.

Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht: „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.“

Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der? Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa. (Matthäus 21, 1-11)

Freude! Jauchzen! Frieden! Jesus zieht in Jerusalem ein. Erwartungen, Hoffnungen und Sehnsüchte keimen auf. Ist er der Friedenskönig, der uns versprochen ist? Kann er Israel erlösen und von der Fremdherrschaft befreien? Wird er dasReich des Friedens und der Gerechtigkeit errichten? Wenn man genauer hinschaut, dann fällt die Antwort auf alle diese Fragennicht so einfach aus. Denn ehrlich gesagt geschieht zunächst erst einmal nicht so viel. Die Begeisterung der Menschen kippt deshalb auch bald um in bittere Enttäuschung. Der Triumphzugnach Jerusalem, der die Erlösungshoffnung vieler auf sich zog, wird einige Tage später zu einem ganz bitteren Weg werden. Ein Weg, der ins Leiden und Sterben führt und sein vorläufiges Ende am Kreuz Jesu Christi findet.

Auch heute mehr als zweitauend Jahre später hat sich die Hoffnungsbotschaft des Propheten Sacharja noch nicht vollständig erfüllt. Die Welt ist immer noch unterwegs, um eine bessere zu werden. Gerade in diesem Jahr merken wir das, sind doch unsere Erwartungen, Hoffnungen und Sehnsüchte nochmal um einiges größer geworden als sonst: Das Ende der Pandemie. Ein Impfstoff, der wirkt. Endlich wieder unbekümmertes Händeschütteln bei der Begrüßung oder sogar eine enge Umarmung. Große Feste, dichtes Gedränge in den Fußgängerzonen und Konzertsälen. Advents- und Weihnachtslieder, die nach monatelangem Schweigen wieder von unzähligen Stimmen zum Klingen gebracht werden.

Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem!

Auch heute noch ist der Hintergrund, vor dem dieses Jubellied klingt, ein ähnlicher wie damals bei Sacharja. Keine Freude, weil es endlich da ist, dass allumfassende Friedensreich. Kein Jauchzen darüber, dass Gerechtigkeit und Hilfe einem jeden Menschen das Leben leicht machen. Ein Lied, das heute und damals über etwas jubelt, das noch gar nicht passiert ist. Oder das ganz anders passiert, als die Menschen damals und wir heute das erwarten.

Sieh, dein König kommt zu dir.

Ja er kommt, aber vielleicht ganz anders, als wir es uns vorstellen. Nicht als Kriegskönig, sondern als Friedenskönig. Nicht als Held, der machtvoll von außen oder von oben in das Weltgeschehen eingreift, sondern als Kind, das in einem Stall geboren wird. Als einfacher Mann, der auf einem Esel reitet. Und schließlich als einer, der wie ein Verbrecher am Kreuz endet – aber nicht aus Ohnmacht, sondern aus Liebe.

Dort am Kreuz entdecken wir vielleicht das wahre Geheimnis unseres Friedenskönigs. Dort am Kreuz bekommen wir vielleicht eine Ahnung davon, wie er auf uns zukommt, wie er da ist und mit uns geht, wie er bei uns ist im Leben und im Sterben. Ganz klein fängt er an. Er kommt zuerst einmal zu jedem einzelnen, zu jeder einzelnen von uns. Er schafft sich Raum in unserem Herz. Einige unserer Adventslieder wissen davon und bitten darum: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist.“

Sieh, dein König kommt zu dir.

Der Friedenskönig, den Sacharja uns verheißt und den wir im Advent besingen, der schafft sich und seinem Friedenzuallererst Raum in unserem Herz. Und durch uns einzelne Menschen hindurch wirkt er dann auch in die Welt hinein. Das möchte ich in dieser ungewöhnlichen Adventszeit entdecken. Daran will ich mitwirken. Und vielleicht wird sie dann jawirklich außergewöhnlich schön, die Advents- und Weihnachtszeit 2020. Vorfreude darauf habe ich auf jeden Fall! Amen.

About Author

Der EKGT Newsletter

Sie möchten die aktuellen Gottesdienste sowie Veranstaltungen und Aktuelles rund um die Ev. Kirchengemeinde Gütersloh gerne per E-Mail erhalten?

Wir informieren Sie zuverlässig, kurz und knapp. Melden Sie sich einfach für unseren Newsletter an.

* Pflichtfelder

Back to top