Dialogpredigt zum internationalen Tag gegen gegen Homo-, Trans*-, Inter*- und Biphobie von Stefan Matthias Pape und Stefan Salzman - Evangelische Kirchengemeinde Gütersloh

Stefan M. P:
Lieber Stefan,
in meinen Augen ist ein wichtiger Bestandteil des heutigen Aktionstages neben der Sichtbarkeit nach außen  durch Stände, Musik, Luftballons oder Flaggen die innere Sichtbarkeit des Themenkomplexes sexuelle, emotionale und geschelchtliche Identität. Dabei ist für mich entscheident erst den Menschen als ganzes zu betrachtet und dann auf die selbstdefinierten Zuschreibungen zu schauen. Die Worte "Ich bin... trans*/schwul/lesbisch etc." ändern nichts an dem Menschen in seiner Gesamtheit. Allerdings besitzen die Worte des Comings-outs eine Wirkung, die von vielen gesellschaftlichen Normen befreit und eine innere Sichtbarkeit schafft für das eigene Sein. Jedes Outing und jede Regenbogenflagge ist ein Statment. Sieh her, hör hin. Es gibt mich und ich bin in meinem Menschsein in einer Facette so oder so. Die Normen in denen wir leben lassen Abweichungen selten zu. Jede Abweichung muss erklärt, benannt werden. Ich will diese Abweichungen benennen und klar machen, dass es keine sind, sondern das es sich dabei um gesellschaftliche Realitäten handelt, die Sichtbarkeit verlangen, nach innen wie nach außen.

Stefan S.:
Ich möchte, lieber Stefan,
deinen Gedanken eine biblische Perspektive an die Seite stellen:  Das “Hier bin ich” des Mose am brennenden Dornbusch. Die erzählte Situation gehört zu den Schlüsselszenen der Bibel: Gott sieht das Elend und hört das Seufzen seines Volkes, das in der Sklaverei gequält und geschunden wird. Er will es in die Freiheit führen und spricht dazu Mose an. Der ist ins Exil ins Ausland geflohen und gerade in der Steppe unterwegs, jenseits des normalen Alltags. Da trifft ihn der Anruf Gottes. Und er antwortet: “Hier bin ich!”

Darum geht es immer wieder im Menschsein, finde ich:  Dass du sagen kannst: “Hier bin ich.” - dann, wenn Du gefragt bist oder angesprochen, wie immer das sein mag: ein Mensch, der dich jetzt in diesem Moment gerade braucht, oder eine plötzliche Klarheit: ja, das ist jetzt dran für dich! Oder vielleicht eher eine Ahnung, eine Sehnsuchtsspur: da zieht es dich hin. Es gibt diese Rufe, die dir im Leben entgegen kommen und darin – möglicherweise - auch die Stimme Gottes.

“Hier bin ich” – darauf kommt es an, das sagen, das leben zu können: mit deiner Person, so wie Du geschaffen und geworden bist: mit deinen Gaben und Grenzen, mit deiner Lust, deiner Art zu lieben, mit Deinen Unsicherheiten und Verletzungen. Du! Du musst das nicht als strahlende Heldin sagen: „Hier bin ich!“ oder als cooler Typ. Es geht darum, dass Du dich zur Verfügung stellst, so wie es Dir gerade möglich ist.
Es gibt für uns Menschen, die wir sagen können: „Hier bin ich“ und die darin ja ganz unterschiedlich sind, etwas Verbindendes: Wir sind immer wieder gefordert, und ich würde sagen:  von Gott gerufen, diese Welt solidarischer, menschlicher, klimafreundlicher zu gestalten. Sie zu einem guten Ort für alle zu machen. Gerade jetzt, wenn wir nach Corona uns neu ausrichten! Wenn wir das Anders-Sein  des Menschen neben uns, der das auch sagt: „Hier bin ich“, wenn wir das nicht bekämpfen oder abwerten, sondern als Reichtum begreifen, dann können wir uns dabei einander stärken. Dann können wir einander helfen, uns dieser Kraft Gottes zu öffnen, die uns befreit.

Stefan M. P.:
Hier, bin ich! Ein Satz, der schwer über die Lippen geht, wenn die ganze Welt gegen einen zu stehen scheint. Wenn die Vorstellungen der anderen über das eigene Leben einen zu erdrücken scheinen, dann ist ein leises “Hier bin ich” ein Satz voller Hoffnung, Vertrauen und Freiheit. Auch, wenn du der einzige Menschen bist, der hört wie du ihn sagt. Du bist der Menschen, der die Freiheit hat Mensch zu sein – mit jeder Facette.

Diese Freiheit verblasst, wenn Gewalt, verletzende Worte und Verleumdung, das eigne Leben pflastern. Aber glaub mir, es wird Menschen geben, die dir zur Seite stehen, eine Schulter einbieten und den Weg mit dir gehen. Es wird Menschen geben, die aufstehen gegen Gewalt, in Taten und Sprache. Es wird Menschen geben, die mit einem lauten “Wir sind hier!” sich gegen jede Verleumdung stellen und sichtbar sind, für und mir dir! Es gibt Menschen, die noch suchen nach den Worten, wie sie leben, lieben und sind. Es gibt Menschen, wie dich!

Und dein “Ich bin hier, ich bin trans*.

Dein “Hier bin ich, ich bin lesbisch.”

Dein “Ich bin bi, ich bin hier.” Wird ein Teil von dem lauten, unüberhörbaren und kraftvollem “Wir sind hier! Wir sind queer!”

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