Andacht zum Reformationstag von Superintendent Pfr. Frank Schneider - Evangelische Kirchengemeinde Gütersloh

Predigt  zu Matthäus 10, 26b – 33 am 31.10.2020 – Gedenktag der Reformation – Martin-Luther-Kirche Gütersloh

 

Liebe Gemeinde!

Der Predigttext des heutigen Reformationstages steht beim Evangelisten Matthäus im 10. Kapitel:

 

Predigttext Matthäus 10, 26 b – 33

26 Darum fürchtet euch nicht vor ihnen. Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.

 

Menschenfurcht und Gottesfurcht

27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. 28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. 29 Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. 31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. 32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. 33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.

 

Annäherung

Am Reformationstag 2020, da hören wir den Predigttext auch mit unseren Corona-Ohren:

Darum fürchtet euch nicht.

Das steht am Anfang dieses Predigttextes und steht auch im Zentrum der Reformation damals wie heute:

Hab keine Angst! Habt keine Angst!

 

Die Reformation vor über 500 Jahren ist in einem Klima einer weit verbreiteten gesellschaftlichen Angst entstanden.

Prediger zogen durchs Land, vom Papst und den Bischöfen geschickt, um den Menschen Erlassscheine für ihre Sünden zu verkaufen. Der Erlös sollte zum Bau des Petersdomes in Rom dienen. Und damit möglichst viele verkauft wurden, weckten diese Prediger die Angst vor der Hölle. Die Angst vor den ewigen Strafen in der Hölle. Die Angst vor dem Fegefeuer.

Davon sollten sich die Menschen freikaufen durch die Ablassscheine, durch die Erlassscheine für die Sünden. Freilich: wer viel gesündigt hatte, musste viel zahlen. Und das konnten nur die Reichen. Die armen Menschen hatten keine Chance.

„Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel schwingt“ war der Werbeslogan fürs Heilsgeschäft.

Die Seelen der Armen blieben auf der Erde oder versanken in die Qualgemächern der Hölle.

 

In diesem Klima der Angst lebte Martin Luther.

Er selbst hatte Angst.

Martin Luther hatte Angst vor seinem zornigen Vater – der wollte, dass er Jurist werden sollte – also begann Luther mit einem Jurastudium.

Martin Luther hatte Angst vor Donner und Blitz – deswegen gelobte er für die Rettung aus dem Gewitter den Wechsel ins Kloster.

Angst vor irdischer und himmlischer Strafe.

Angst vor dem strafenden Gott – das prägte sein Denken und Tun zu Beginn.

Daran zu erinnern, dass die Reformation aus einem Klima der Angst herausgewachsen ist, das ist auch heute wichtig, im Zusammenhang unserer gesellschaftlichen und persönlichen Ängste.

Der Angst vor todbringenden Krankheiten damals  – gegenüber der Pest, die damals wütete.

Allein in der Zeit von Luthers Wirken in Wittenberg wurde die Stadt fünfmal von der Pest heimgesucht.

 

Für Martin Luther war es das Studium des Römerbriefes, das ihm die Glaubens- und Lebensfreude gegen seine Angst zurückgab und ihn zu seiner reformatorischen Erkenntnis führte:

Gott ist nicht der strafende Richter, sondern durch Jesus Christus der rettende Vater, die Verkörperung vergebender Liebe.

Er erkannte: Zuerst ist die Liebe.

Und die Liebe vertreibt das Dunkel der Angst.

 

Wie kann mein Leben gelingen?

„Wie kann ich ein glückliches Leben führen angesichts der Abgründe und Widersprüche meines Lebens und der Welt?“, so fragen wir heute.

In anderen Worten und Bildern waren das auch die Lebensfragen des Martin Luther.

Und er findet die Antworten in der Bibel:

In den Abgründen deines Lebens bist du nicht allein.

Dein Leben ist auch im Scheitern gelingendes Leben,

Gott hält dich in seinen Händen.

Auch als Sünder bist du gerechtfertigt.

Deine Schuld hat nicht das letzte Wort.

Gottes gute Mächte sind stärker als der Tod

Gottes neue Welt kommt zu den Menschen allem Elend, aller Not und aller Verzweiflung zum Trotz.

Martin Luther formulierte es so:

Allein aus Glauben, allein aus Christus, allein aus der Schrift, allein aus Gnade.

Vier Jahre dauerte es im Leben Luthers, bis diese innere Zuversicht nach außen drang, von 1513, dem Jahr der reformatorischen Entdeckung des gnädigen und liebenden Gottes bis 1517, bis er sich traute, die 95 Thesen für eine Reform des Glaubens und der Kirche an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg zu schlagen.

 

Den Glauben bekennen

 

Ja, Martin Luther hat sich was getraut.

Was trauen wir uns heute in Bezug auf den Glauben?

 

„Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel.“, heißt es bei Matthäus.

Reformation:

Es geht um den Umgang mit der Lebensangst.

Und es geht um das Bekennen des Glaubens.

 

Bekenntnis

Beim Glauben geht es also um das Bekennen.

Wozu bekennst du dich?

Was ist dein Glaube?

Was sind deine Hoffnungen?

Ist es peinlich, so etwas zu fragen?

Über Glauben - darüber spricht man doch nicht.

Eltern merken das heute, wenn sie Patinnen und Paten für ihre Kinder suchen und merken, der gute Freund, die gute Freundin ist gar nicht mehr in der Kirche.

Müssen wir uns nicht mehr zu unserem Glauben bekennen?

Doch.

Dann, wenn das Enkelkind nach dem Sterben fragt:

„Oma, wie ist das mit dem Tod?

Ist dann alles aus?“

Was glaubst du, gibst es einen Himmel?

Sehe ich dich dort wieder, wenn du gestorben bist?

Wie versuchen sie sie, da zu antworten?

Oder wenn zu entscheiden ist, ob eine medizinische Behandlung im Krankenhaus weiter fortgesetzt wird bei einem schwer verletzten Menschen oder ob die Apparate abgestellt werden sollen.

Welche Entscheidung treffen wir dann?

Oder eine junge Frau ist schwanger – wie entscheiden wir uns?

Hat das etwas mit unserem Bekenntnis zu tun?

In solchen Lebenssituationen ist es Zeit,

vielleicht nicht mit großen Worten, vielleicht eher zögernd und tastend einen eigenen Standpunkt zu finden und einzunehmen.

Sich zu bekennen.

Ansichten sind allerdings noch kein Bekenntnis.

Bekennen ist etwas, wofür man einsteht, im äußersten Fall mit seinem Leben.

Ein Bekenntnis ist etwas, was mein Leben bestimmt.

Es geht um eine innere Haltung, die sich daraus ergibt, dass ich mich als Christ von Gott gehalten wissen darf.

 

 

Wir sind gefragt
Heute am Reformationstag reden wir davon, dass all unser Tun die Antwort ist auf Gottes Liebe zu uns.

Also: Wir sind gefragt! Von Gott selbst.

Bekennst du dich zu mir – oder verkrümelst du dich?

Wir sind gefragt, herauszukommen aus unsern Verstecken.

Das ist es, was Gott braucht. Unsere Antwort.

Unser Reden und Handeln.

Und diese Antwort, sagt Matthäus, muss deutlich ausfallen.

Nein, wir müssen nicht in das Gebrüll der Welt einstimmen.

Es können leise Töne sein – aber vernehmbar.
Wir sind gefragt. Dort, wo wir sind.

An dem Ort, an den wir gehören.

In unseren Familien und Freundschaften, auf der Arbeit und in der Schule, in unseren Gemeinden, unserer Kirche, unserer Stadt, unserem Land.

 

„Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.“

Wir sind gefragt, Ernst zu machen mit der Liebe Gottes.

Mit allem, für das wir uns schämen.

Mit all unseren Fehlern. Und Sorgen. Und Ängsten.

Wir sind gefragt, uns hervorlocken zu lassen aus der Verborgenheit. Aus dem geflüsterten Wort.
Wir sind gefragt, Verantwortung zu übernehmen für unsere Welt. Für unseren Glauben.
Wir sind gefragt, uns hören zu lassen. Mit Gottes Worten.

Wir verdanken unsere Kirche Menschen, die das getan haben und immer noch tun.

Sie reden Gottes Wort, reden für die, die im Dunkeln sind.

Sagen weiter, was ihnen ins Herz geschrieben wurde.

In dieser Corona-Welt, in der das Singen schwer geworden ist und manchmal das Rufen und das Lachen auch.
Wir sind gefragt, dort, wo wir sind, zu tun, was Matthäus uns als letzte Worte Jesu auf der Erde überliefert:

„Lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

 

Gottes Wort wird laut
Mit dieser Lebenszusage Gottes können wir uns sehen und hören. Und müssen uns hören lassen. Laut und deutlich.

In unseren Gottesdiensten reden wir davon.

Bewegen es in unseren Herzen.

Und tragen es hinaus, in die Schatten und das Licht unserer Welt.
In unserem Alltag handeln wir danach.

Wir reden nicht über-, sondern miteinander.

Wir betreiben keine Hetze, sondern stehen ein für die Liebe.

Sehen nicht aneinander vorbei, sondern fragen nacheinander. Wo bist du? Wie geht es dir? Was brauchst du? Möchtest du reden? Soll ich dir zuhören?

Ich bete für dich.
Gottes Worte sind Worte, die aufrichten.

Worte, die stärken und helfen.

Weil nicht nur Spatzen zur Erde fallen, sondern auch wir Menschen stolpern und aus dem Tritt geraten.

Weil wir einander brauchen, um uns sagen zu lassen, was wichtig ist im Leben und im Sterben.

Fürchtet euch nicht.
Das wird man doch wohl noch sagen dürfen. Oder?
Es muss gesagt werden, damit es die Spatzen von den Dächern pfeifen.
Dass das Haar eines jeden Menschen gezählt ist von Gott.

Egal wo.

Auf den Intensivstationen der Krankenhäuser in Belgien, wo die Situation jetzt so bedrohlich ist.

In einer Welt voller Gewalt und Ungerechtigkeit.

Aber auch in der Welt, in der uns Jesus zur Nachfolge ruft.

Bekennen macht frei.

Und aufrecht und befreit dürfen wir gehen.

Fürchtet euch nicht.

Amen.

 

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