Andacht vom 8.November von Pfarrerin Erika Engelbrecht - Evangelische Kirchengemeinde Gütersloh

Liebe Gemeinde,

… nun auch noch in Wien! Nach den Anschlägen der vergangenen Wochen zuerst in Dresden, dann in Paris und Nizza nun auch noch in Wien; der Stadt, in der ich so gern im Studium ein Jahr gelebt habe und die ich möglichst oft besuche. Und ich erlebe, wie groß der Unterschied ist, ob etwas dort geschieht, wo man sich auskennt: Ich überlege nach den wenigen Informationen aus den Nachrichten, wo genau es gewesen sein könnte, was dort in der Nähe ist, … .

Brutale Gewalt inmitten der schönen Stadt, – wie können Menschen so handeln?

Aber nicht nur wurden in Nizza und Wien verheerende Anschläge mit Toten verübt, auch zwischen verschiedenen Staatsmännern wachsen die Spannungen, böse unfriedliche Worte werden ausgesprochen. Im Bundestag sprechen AFD-Politiker von Freiheitsentzug, Kriegskabinett und schlimmeren Dingen. … Wer traut eigentlich noch wem? Wer schätzt eigentlich noch seinen Gegner? Wer denkt noch über den Frieden nach? Wer bemüht sich noch, Frieden zu suchen, zu finden und zu vermehren?

Manchmal weiß ich nicht mehr, wie es weitergehen soll und wie ich dem zunehmenden Unfrieden begegnen kann. Ganz langsam und unbemerkt sickert uns der Frieden durch die Hände, wird weniger und scheint zu verschwinden.

Das kann nicht sein

und darf nicht sein! Mit diesem Sonntag hat die Friedensdekade begonnen, und der Frieden wird uns noch einmal mehr ans Herz gelegt. Im vergangenen Jahr haben wir uns in der evangelischen Kirche mit der Jahreslosung "Suche Frieden und jage ihm nach!" (Psalm 34, 15b) beschäftigt. Dieser Vers konfrontiert uns mit einem – besser zwei – Befehlen: Wir sollen den Frieden suchen und ihm nachjagen. Der Frieden hat es offensichtlich nötig, dass wir uns doppelt um ihn mühen – ihn suchen und ihm nachjagen. Ja, der Frieden ist vermutlich das, was uns, unserer Gesellschaft, unserer Welt am meisten fehlt und was wir am stärksten vermissen.

Das Erste und das Neue Testament sind voller Visionen des Friedens: Die Völker werden ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und den Krieg nicht mehr lernen; heißt es bei den Propheten Jesaja und Micha. Bei der Geburt Jesu verkündigen die Engel: „Friede auf Erden“, und Jesus selbst preist die Friedensstifter selig.

Das Wort, das wir suchen und dem wir nachjagen sollen, ist im hebräischen Urtext „shalom“. Shalom hat ein weiteres Bedeutungsspektrum als Friede, Shalom ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Shalom ist in der Sprachwelt des Ersten Testaments ein Zielbegriff des Lebens, der sich auf alle Lebensbezüge bezieht: Wer im Shalom lebt, lebt in einer geheilten Ganzheit mit Gott, mit der Umwelt und mit sich selbst. Shalom bedeutet demnach sowohl Frieden als auch Freundlichkeit, Wohlergehen, Gedeihen, Glück und Ganzheit.

In Israel dient Shalom als universale Grußformel, – zur Begrüßung wie zum Abschied. Es steht für einen Zustand, in dem alles bestens ist, – auf zwischenmenschlicher, emotionaler, materieller, gesundheitlicher, politischer und geistlicher Ebene. Allerdings wird Shalom nicht immer in seinem gesamten Bedeutungsspektrum gemeint.

Ein Beispiel für die umfassende Bedeutung des Wortes ist der letzte Vers des sogenannten aaronitischen Segens, wie wir ihn bis heute am Ende des Gottesdienstes zugesprochen bekommen: Gott gebe Frieden in deinen Beziehungen, Gesundheit, langes Leben, innere Harmonie und Ruhe, Versöhnung mit Gott,

- einen Lebensbereich, in dem du dich wohlfühlst.

Diesen Shalom sollen wir verbreiten. Wir können nicht die Hände in den Schoß legen und sagen: „Wir können doch nichts machen; die da oben haben‘s in der Hand.“ und meinen damit die Politiker und Politikerinnen oder auch die Wirtschaftsbosse.

Nein, wir alle – du, du, Sie, Sie, ich – wir alle gestalten das gesellschaftliche Klima.

Ja, Frieden! Wo können wir ihn finden? Wohin ist er verschwunden? Wir können ihn in der Ferne entdecken und ihm nachjagen!

 

Denn:

Wer Frieden sucht
wird den anderen suchen
und Zuhören lernen
wird das Vergeben üben
wird das Verdammen aufgeben
wird vorgefasste Meinungen zurücklassen
wird das Wagnis eingehen
wird an die Veränderung des Menschen glauben
wird Hoffnung wecken
wird dem anderen entgegenkommen
wird zu seiner eigenen Schuld stehen
wird geduldig dranbleiben
wird selber vom Frieden Gottes leben –
Suchen wir den Frieden?

(Schalom Ben-Chorin, 1913 – 1999)

 

Amen.

 

Passende Lieder:

Verleih uns Frieden gnädiglich (eg 421)

Gib Frieden, Herr gib Frieden, die Welt nimmt schlimmen Lauf (eg 430)

 

Pfarrerin Erika Engelbrecht

 

 

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