Unser dienstältester Adventssänger Siegfried Giljohann wird 90. - Evangelische Kirchengemeinde Gütersloh

Zeitlos, rastlos – und im Advent besonders gut bei Stimme

Wer ihn länger beobachtet, findet etwas Spitzbübisches in seinem Gesicht. Und tatsächlich lässt sich in diesem Gesicht auch ablesen: Siegfried Giljohann ist einer von hier. Ein echter Gütersloher, der nur ein Jahr seines Lebens raus war, aus der Stadt. Wenn er etwas zu erledigen hat, fährt er gern mit dem Fahrrad. Wenn es weiter entfernte Anlässe sind, kommt der VW Vento aus der Garage. Na und?
Nun, der Mann wird am 28. Februar 90 Jahre alt. Und er ist immer noch führend bei Stimme. Thorsten Wagner-Conert hat sich vor dem großen Geburtstag mit Siegfried Giljohann unterhalten.
Als drittes von vier Kindern wuchs Siegfried Giljohann auf dem Hof Diestelkamp auf. Der stand bis 1959 in der Straße Am Anger dort, wo heute das Schulzentrum Ost ist. Schon in seiner Kindheit, von der er sagt, sie sei sorglos gewesen, wurde er zum Frühaufsteher: Morgens um fünf war die Nacht rum. Damit verfügte Siegfried Giljohann über eine Eigenschaft, von der später noch zu reden sein wird.
Etwas genauer nachgefragt, entpuppt sich die Kindheit dann doch als vom Kriegstreiben begleitet: Die Familie lebte gut 300 Meter entfernt von der damaligen Nachrichtenkaserne; nur die Dalke trennte den Hof von der Kaserne. Der kleine Siegfried lernte früh: „Solange die Bomben heulten, waren sie ungefährlich. Aber wehe, sie waren stumm. Dann war die Gefahr ganz nah“, sagt der Mann, der auch berichtet, dass es 1944 23 Bombentrichter rund um den Hof gab. Vermutlich seien die für die Kaserne bestimmt gewesen, aber…
Siegfried Giljohann erwies sich schon mit vier oder fünf Jahren als geschäftstüchtig: Für die Soldaten aus der Kaserne betrieb er eine „Bollerwagenspedition“. Von der Kaserne bis zum Bahnhof zog er freitags seinen Bollerwagen – und die Soldaten schoben gelegentlich diesen Transporter für ihr Wochenend-Gepäck, mit dem es nach Hause ging. 50 Pfennige kassierte Siegfried dafür, und er sparte sich so mit der Zeit 800 Reichsmark zusammen, die später, „nach der Währung“ nur noch 80 Mark waren.

Gelebte Geschichte… Eine andere, die mit Kriegsende begann, lässt Siegfried Giljohann bis heute nicht los: 1945, Siegfried war neun Jahre alt, motivierte sein Vater den kindlichen Frühaufsteher morgens um fünf Uhr zum Mitgehen: Siegfried machte seine ersten Erfahrungen als Adventssänger, damals in der Gegend, in der er aufwuchs. Vor 1945 sei das Adventssingen aus bekannten Gründen verboten gewesen. Aber seit 1945 ging das Jahr für Jahr so: Das Adventssingen wurde für Siegfried Giljohann zum festen Brauch. Immer war er dabei. „1962 nach der Heiraterei sind wir in die Stadtmitte gezogen. Und dann habe ich eben hier weitergemacht“, sagt der Mann, der nicht nur 90 wird, sondern davon 81 Jahre lang als Adventssänger intensivste Treue bewiesen hat.
Für Siegfried Giljohann ist das Adventssingen ein schönes Lebensgefühl. „Man kann vielen lieben Leuten im ganzen Stadtgebiet damit eine Freude machen“, viele würden sich bedanken, nur ganz selten taucht mal die Kritik auf, dass das Singen frühmorgens wohl doch zu früh sei. Ein Pastor, der selbst mal Hand an die traditionelle Uhrzeit legen wollte, bekam die Stirn geboten. Tradition ist eben Tradition – und das Adventssingen gibt es seit 1790. Und Siegfried Giljohann ist der wohl längstgediente Adventssänger und dazu Frühaufsteher – und somit ein Verfechter des Singens aus dem Dunkel der Nacht bis ins Morgengrauen der vier Adventssonntage.

Beruflich hat Siegfried Giljohann eine stadtbekannte Fahrschule betrieben. Und es gehört wohl zu älter werdenden Fahrlehrern, dass sie es nicht lassen können: Siegfried Giljohann fährt immer noch Auto und ist fast beleidigt, weil sein Gegenüber sich überrascht gibt über das Autofahren in späten Jahren. Ein 22 Jahre alter VW Vento leistet treue Dienste und erinnert den Fahrer an dessen Frau, die 2004 starb.
Zwei Töchter gibt es – die eine wird 60, die andere ist 63. Seinen 90. Geburtstag aber, den widmet Siegfried Giljohann seinen Adventssängern: Am 28. Februar feiern diese im Haus der Begegnung der Evangelischen Kirche zusammen Geburtstag – aus einem tieferen Grund: Die Freunde von einst sind mittlerweile alle verstorben, aber nach Trübsal blasen stand dem singenden Jubilar nicht der Sinn. „Also kam mir die Schnapsidee: Ich mache eine Geburtstagsfeier – mit den Adventssängern aus meiner Gruppe“, freut sich Siegfried Giljohann schon mal vor.
Gut möglich, dass dann mit einer Tradition gebrochen wird und der Gesang vom vierten Advent außer der Reihe ertönt. Es ist Siegfried Giljohanns liebstes Stück:

„Dein König kommt o Zion er kehret bei dir ein
auf lasset uns ihm Palmen streuen
Sanftmütig kommt er in sein Reich
jauchzt ihm alle Lande freuet euch
Hosianna in der Höhe. Der Herr ist da – Halleluja
Preiset seinen Namen. Hosianna – Amen Amen.“

Eigentlich seien das zwei Strophen, sagt der Kenner. Die stünden auch im neuen Gesangbuch gar nicht mehr drin.
Ob das Adventssingen mit diesem alten Text eine Zukunft habe, will der Autor wissen. In Gütersloh ja, woanders nicht. Und natürlich nur, wenn es bei der frühen Uhrzeit bleibe, meint der fast 90jährige.
Mit ihm muss man rechnen, nicht nur in der Adventszeit. Dann aber tonangebend, seit 81 Jahren.

Einen schönen 90igsten Geburtstag, lieber Siegfried Giljohann!

Foto: Thorsten Wagner-Conert

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