Andachten Archive - Seite 12 von 13 - Evangelische Kirchengemeinde Gütersloh

Gott gibt Kraft zum Durchhalten  Jesaja 40,26 – 31

Gnade sei mit Euch und Frieden, durch unseren Herrn Jesus Christus! (Amen)

 

Worte können trösten

Worte, die wir hören
können uns heilen, trösten, aufrichten.
Sie erinnern sich vielleicht an ein gutes Wort,
das Ihnen gesagt wurde?!
Wir spüren dann die ordnende Wirkung,
das innere Aufrichten,
das von einem solchen Wort ausgeht.
Ein Gespräch,
das uns gut getan hat.
Ein Wort, das uns Mut macht:
„Du schaffst das!“
„Komm erzähl mal!“
„Das kriegen wir wieder hin!“
„Ich bin bei dir!“

Da kehrt die Zuversicht zurück,
und unsere Augen bekommen wieder ihren Glanz.

Der Text Jesaja 40,26-31:

Unser heutiger Andachtstext steht im Buch des Propheten Jesaja im 40. Kapitel.

Es sind Worte der Zuversicht, in einer Zeit, die nicht leicht ist:

26 Hebt Eure Augen auf zum Himmel und seht!

Wer hat die Sterne dort oben geschaffen?

Gott lässt sie alle aufmarschieren,

das ganze unermessliche Heer.

Jeden Stern ruft er einzeln mit Namen,

und keiner bleibt fern, wenn er, der Mächtige und Gewaltige, ruft.

27 Ihr Leute von Israel,

ihr Nachkommen Jakobs,

warum klagt ihr:

„Der Herr kümmert sich nicht um uns;

unser Gott lässt es zu,

dass uns Unrecht geschieht“?

28 (…)

29 Er gibt den Müden Kraft

und die Schwachen macht er stark.

30 Junge Leute können kraftlos werden,

die Krieger erlahmen.

31 Aber allen, die auf den Herrn vertrauen,

gibt er neue Kraft,

dass sie auffahren mit Flügel wie Adler.

Sie laufen und werden nicht müde,

sie gehen und werden nicht matt.

 

III. Israel im Exil

Die Menschen, die hier von Jesaja angesprochen werden,

befindet sich bereits über zwei Generationen im Ausland.

In Babylon sind sie Menschen zweiter Klasse.

Besonders zu schaffen macht ihnen, dass sie heimatlos sind.

 

Heimat schenkt Geborgenheit und Sicherheit.

Man weiß, wohin man gehört und erfährt Sinnhaftigkeit und Erfüllung.

Man hat seine Familie und Freunde,

seinen Besitz und sein Auskommen,

seine Kultur, Feste und Feiern.

 

Wer Heimat hat,

der kann mit dem Dichter Reiner Kunze sagen:

 

„Wir haben ein Dach

Und Brot im Fach

Und Wasser im Haus

Da hält man´s aus.

 

Und wir haben es warm

Und wir haben ein Bett.

O Gott, dass doch jeder

Das alles hätt!“

 

Dieses Gefühl der Heimat ist den Israeliten im Exil in Babylon genommen worden.

 

Der Blick zu den Sternen

Den angefochtenen Menschen in der Fremde ruft der Prophet zu:

26 „Hebt Eure Augen auf zum Himmel und seht!“

Wer den Blick erhebt, richtet sich auf. Lasst eure Blicke nicht mehr auf dem Boden haften wie Menschen, die nichts anderes mehr wahrnehmen als Staub.

Sondern blickt auf. Blickt in den Himmel.

Richtet Euch auf und richtet Eure Augen in die Weite des Himmels.

 

„Wer hat die Sterne da oben geschaffen?

Gott lässt sie alle aufmarschieren,

das ganze unermessliche Heer.

Jeden Stern ruft er einzeln mit Namen,

und keiner bleibt fern, wenn er, der Mächtige und Gewaltige, ruft“.

 

Der lebendige Gott ist es, der sie alle geschaffen hat.

Er ist der Schöpfer, er ist derjenige,

der die Dinge ins Leben gerufen hat

und sie beim Namen nennt.

"Weißt du, wie viel Sternlein stehen

an dem blauen Himmelszelt?

Weißt du, wie viel Wolken gehen weithin über alle Welt?

Gott der Herr hat sie gezählet,

dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl,

an der ganzen großen Zahl".

(eg 511,1)

Es war der Nobelpreisträger Albert Einstein, der immer wieder auf die geheimnisvolle Ordnung  und Schönheit des Universums hinwies. Er sagte:

„Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen.  (…) Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar erreicht, das ist Religion. Es ist mir genug, dieses Geheimnis staunend zu ahnen!“

Albert Einstein lehrt uns, dass das Universum Hinweise auf eine ihm zugrunde liegende Schönheit, Eleganz und Weisheit enthält.

Die Physik des 21. Jahrhunderts steht im intensiven Gespräch mit der Religion. Schon 1973 hat der Physiker Brandon Carter herausgefunden, dass bereits beim Urknall alle Voraussetzungen geschaffen wurden um später  Leben hervorzubringen.Wäre die Ausdehnungsgeschwindigkeit nach dem Urknall beispielsweise nur ein Billionstel geringer gewesen, dann wäre Leben nicht möglich geworden.

Die Kräfte der Natur sind, so wie wir sie erfahren, fein aufeinander abgestimmt. Nur weil sie exakt so sind, wie sie sind, konnte Leben auf der Erde entstehen.

Je mehr ich über das Universum lerne, umso mehr kann ich nur staunen über die ordnende Kraft Gottes, die dieses Universum hervorgebracht hat, bis heute erhält und die Lebendigkeit schuf!

 

Wie ein Adler

29 „Er gibt den Müden Kraft

und die Schwachen macht er stark.

30 Selbst junge Leute werden kraftlos,

die Krieger erlahmen.

31 Aber allen, die auf den Herrn vertrauen,

gibt er neue Kraft,

dass sie auffahren mit Flügel wie Adler.

Sie laufen und werden nicht müde,

sie gehen und werden nicht matt“.

 

Menschliche Kraft kommt an ihre Grenzen.

Auch bei jungen Menschen, ja vielleicht besonders bei ihnen,

weil ihre Erfahrung mit den Durstrecken des Lebens umzugehen,

noch nicht so groß ist.

 

Die Erfahrung der Älteren birgt das Gedicht von Hilde Domin:

„Nicht müde werden
sondern dem Wunder leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten“.

 

„Nicht müde zu werden“ ist Gabe und Aufgabe.

Aus eigener Kraft schafft das der Mensch oft nicht.

Die Zusage von Gottes Kraft, lässt uns erwachen!

Die Hoffnung auf Gott verleiht nicht nur Kraft

zum Aufwachen und Gliederstrecken,

sondern mehr: Kraft zum Fliegen.

Sie gibt uns neuen Auftrieb,

wie es das eindrückliche Bild von dem seine Schwingen ausbreitenden,

kraftvoll in die Lüfte sich erhebenden Adler

zum Ausdruck bringt.

Ja, wir sind ergriffen von der belebenden Kraft Gottes!

Die Kraft Gottes wirkt in uns,

verändert uns von innen heraus.

31 „Denn allen, die auf den Herrn vertrauen,

gibt er neue Kraft,

dass sie auffahren mit Flügel wie Adler“.

Amen

 

Ein Buchtipp:

Harald Lesch: Über Gott, den Urknall und den Anfang des Lebens. München 2019.

Der Stoff, aus dem die Träume sind

Predigt zu 1. Kor 15,19-20 am Ostersonntag 2020 von Pfarrer Michael Frentrup

Liebe Gemeinde, am Osterfest erinnern wir uns an die Ostergeschichte vom leeren Grab gehört. Es ist der Ausgangspunkt für den Osterglauben: „Christ ist erstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.“ Das ist eine Botschaft, die mit ihrer Kraft weit über unser Leben auf der Erde hinausreicht.

Paulus schreibt in seinem 1. Brief an die Gemeinde in Korinth im 15. Kapitel:

19 Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.
20 Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.
 21 Denn da durch "einen" Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch "einen" Menschen die Auferstehung der Toten. 22 Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden.

 

Liebe Gemeinde, es ist Ostern. Die Natur erwacht in bunten Farben – und das Erwachen neuen Lebens im Garten ist seit altersher ein Gleichnis für die Auferstehung, für die Hoffnung auf ewiges Leben gar.

Ostern, da singen wir Lieder, laut und voll der Auferstehungshoffnung, da nehmen wir den Mund ganz voll und singen:  „Wir wollen alles fröhlich sein in dieser österlichen Zeit, denn unser Heil hat Gott bereit.“ „Lasst uns lobsingen vor unserem Gott, der uns erlöst hat vom ewigen Tod – Halleluja“ – so klingt die Osterfreude in unseren Liedern an.

Es ist Ostern, und da sind wir ganz auf Licht und Leben eingestimmt und singen vom Sieg des Lebens über den Tod. Und wenigstens für kurze Zeit ist da das Gefühl: Alles ist gut!

Es ist Ostern - der Stoff, aus dem die Träume sind.

 

Doch – ist wirklich alles gut? Ist er wirklich besiegt, der Tod?

Noch hockt er doch überall. Noch ist es, wie es immer war. Trotz Ostern scheint die Macht des Todes ungebrochen:

Täglich sterben Tausende durch das Corona-Virus – und niemand kann sagen, wann das zuende ist. Und niemand kann sagen: Mich betrifft es nicht! Viele haben Todesangst vor dem Unbekannten.

Noch gehen Menschen mit nichts als dem, was sie am Leibe tragen, auf die Flucht und werden an den Grenzen Europas in Lager gesperrt.

Noch stirbt etwa alle 10 Sekunden ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Unterernährung.

Noch verändert sich das Klima von Jahr zu Jahr und dadurch werden immer mehr Menschen die natürlichen Lebensgrundlagen entzogen.

Und noch immer, und immer wieder gibt es die kleinen und größeren persönlichen Todeserfahrungen, Katastrophen und Krankheiten, die Dunkelheiten und die Sackgassen, die Menschen am Leben und an Gott zweifeln lassen.

„Halleluja“ - Unser österlicher Jubelruf wird falsch, wenn er das einfach übergeht.

Wir singen „Christ ist erstanden“ und bitten zugleich : „Kyrie eleison – Herr, erbarme dich.“ Denn noch ist der Tod nicht aus der Welt.

 

In Korinth, zur Zeit des Paulus, gab es Christen, die mit dem Tod und mit der Welt des Todes nichts mehr zu tun haben wollten. Sie sagten: Christus ist von den Toten auferstanden, und wir sind mit ihm auferstanden; was kümmert uns die Welt, zu der wir doch nicht mehr gehören. Auferstehung, Aufleben, Neues Leben – wir haben ihn schon in der Hand, den Stoff, aus dem die Träume sind. Alles ist gut!

Diesen Leuten hält Paulus in seinem Brief entgegen:  „Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.“

„ Ihr Enthusiasten in Korinth“, sagt er damit, „Ihr seid vor allem begeistert, weil Ihr euch auf der Sonnenseite des Lebens Seite wähnt. Weil Ihr stolz seid, zu den Auserwählten zu gehören. Weil Ihr selbstzufrieden meint, euch nun um nichts mehr kümmern zu müssen. Ihr verschließt die Augen vor der Realität und redet euch ein: Alles ist gut. Das ist der Stoff, aus dem eure Träume sind. Mit dem Ihr euch beruhigt und betrügt.“

 

Liebe Gemeinde, „Der Stoff, aus dem die Träume sind“ – ich will diesen Begriff heute einmal ganz material interpretieren und mir darunter einen aus vielen Fäden gewebten Stoff vorstellen.

Paulus nimmt den Stoff, aus dem die Träume der Enthusiasten in Korinth sind, in die Hand.

Er testet diesen Stoff am wirklichen Leben mit all seinen Herausforderungen – und der zerfällt ihm in den Händen, wie alles, was sein Heil nur in diesem irdischen Leben sucht.

Der Stoff, aus dem die Träume der Korinther sind: Nur trockene Gewebebrösel, die nicht halten, was sie versprechen, nicht im Leben und nicht im Sterben.

 

Paulus nimmt einen anderen Faden in die Hand, den Faden des Glaubens und der Hoffnung. Und er hält den Leuten in Korinth einen anderen Stoff vor Augen.

Ostern geht es nicht um den Stoff, aus dem unsere Träume für ein gelingendes Leben, für Wohlergehen und Glück sind, sondern um den Stoff, aus dem die Träume Gottes für uns Menschen sind.

Gott fädelt das Leben neu ein und webt ein neues Band, an dem wir uns festhalten können:

Den Osterglauben nämlich, die Hoffnung, dass es einst so sein wird, dass wir keinen Tod und nichts Tödliches mehr erleben werden.

Den Glauben, dass in der Auferweckung Jesu die Wende zum Leben schon geschehen ist.

Dass trotz allem das Leben über den Tod siegt.

Und auch: Dass wir noch nicht am Ziel sind, aber auf dem Weg, den Gott uns zeigt.

Der Stoff, aus dem die Träume sind, er bekommt ein österliches Motiv: Nicht das des jubelnden Menschen inmitten von grünem Gras, Osterhasen und bunten Eiern, sondern das Bild Jesu Christi, der durch Leiden und Tod hindurchgegangen ist und zum Leben auferweckt wurde.

 

Liebe Gemeinde, der Stoff, aus dem Gottes Träume für uns sind, das ist der Stoff des Osterglaubens. Er lässt durchhalten in all dem, was uns Angst macht, was tödlich und sterblich ist. Mit ihm können wir leben und arbeiten. Er ist strapazierfähigund hält viel aus.

Er ist dazu da, dass wir ihn je nach Situation benutzen:

Als Verbandsstoff für die Verletzten,

als Tränentuch für die Traurigen,

als bunte Fahne für die, denen alles grau und schwer geworden ist,

als Regenbogentransparent für die Hoffnung, die Menschen zusammenhalten lässt angesichts der Krise.

als Banner für Schöpfungsbewahrung und Menschenrechte weltweit.

Der Stoff des Osterglaubens, aus ihm kann auch eine ganz persönliche Siegesfahne über alle Todesängste und -gefahren des  Alltags werden.

 

Liebe Gemeinde, es ist Ostern. Neuer Stoff für neue Träume, die Gott mit uns träumt:

Geistlich und spirituell - und auch ganz handfest erlebbar, neues Leben mitten im alten..

Leiblich, schreibt Paulus, wird die Auferstehung am Ende der Tage sein,

und leiblich erfahrbar, begreifbar wie ein reißfester Stoff, ist schon jetzt Gottes Traum für eine bessere Welt.

Ostern - wie im Himmel so auf Erden.

Denn: Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja.


Gebet

Barmherziger Gott, da wir nun Ostern feiern,
hören wir wieder von der Unverwüstlichkeit der Lebenskraft deiner Liebe
und wir hören diese Botschaft gerade in dieser Zeit,
in der wir in Ängsten vor dem Corona-Virus leben,
als besonders trost- und hoffnungsvolle.

Du hast Jesus Christus, dem von Menschen Geschundenen und Zerstörten,
aus dem Tod heraus neues Leben bei dir geschenkt.

Gib auch uns die Stärke an deine Macht
über alles Zerstörende und Tödliche zu glauben,
so daß auch wir schon jetzt beginnen,
alles Zerstörende zu überwinden und neues Leben finden,
das bei dir vollendet wird.

Amen.

 

Ein Glaubensbekenntnis

Ich glaube,
dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage
soviel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst
vor der Zukunft überwunden sein.
Ich glaube,
dass Gott kein zeitloses Fatum ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete
und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

(Dietrich Bonhoeffer)

 

 

Liebe Mitmenschen,

Heute ist Gründonnerstag. Heute war Jesus ein letztes Mal mit seinen Freunden zusammen, sie aßen. Beim Essen lässt sich besonders gut reden. Aber an diesem Abend wollten gar keine Gespräche aufkommen. Alle hatten Angst vor dem, was kommen würde: der Abschied von Jesus. Er sah, wie müde und traurig seine Freunde waren. Jesus ahnte, dass, wenn er auf eine neue, eine andere Weise als bisher bei ihnen bleiben würde, es für sie einfacher wäre, wenn er nicht mehr bei ihnen sein würde. Darum nahm er das Brot und den Kelch, stiftete die Gemeinschaft und sagte: „Tut es immer wieder: euch erinnern an mich und Brot mit Kelch teilen!“ Seine Freunde konnten es noch nicht so recht verstehen, was das bedeuten sollte. Doch eines haben sie genau gespürt: Jesus hat ihnen in ganz besonderer Weise seine Liebe geschenkt. Er wird immer bei ihnen sein, gleich wie‘s kommen mag. Die zugesagte Gemeinschaft mit Gott wird sie stärken, wenn Jesus sie allein zurück lässt. Das gibt Trost.

Gern hätten wir diese Gemeinschaft heute Abend in unseren Kirchen und Gemeinde­häu­sern gefeiert. Aber wir müssen Abstand halten.

In diesem Jahr fällt der Gründonnerstag auf den 9. April. Heute vor 75 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg erhängt, – kurz vor Ende des Krieges.

1906 war er mit seiner Zwillingsschwester in eine gutbürgerliche, akademische, nicht unbedingt religiös geprägte Welt geboren worden.

Schon früh entdeckte Dietrich Neugier für alles, was den nüchternen Verstand überschreitet. Später studierte er Theologie. Schon Anfang der 30er Jahre wurde Dietrich Bonhoeffer Studentenpfarrer und Privatdozent an der Berliner Universität. Er entdeckte eine große Bedeutung in der Bergpredigt Jesu, beginnend mit den Seligpreisungen:

3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
8 Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. 9 Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
10 Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

(Matthäus 5, 3 – 10)

In seinem Buch „Nachfolge“ schreibt Bonhoeffer: „Die Jesus nachfolgen, werden hungrig und durstig auf dem Weg. Nach Vergebung aller Sünden und völliger Erneuerung tragen sie Verlangen nach dem Neuwerden der Erde und vollkommener Gerechtigkeit Gottes. Noch deckt der Fluch der Welt diese zu, noch fällt die Sünde der Welt auf sie. Der, dem sie nachfolgen, muss als Verfluchter am Kreuz sterben. Ein verzweifeltes Verlangen nach der Gerechtigkeit ist sein letzter Schrei: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Der Jünger aber ist nicht über seinen Meister. Ihm folgen sie nach. Selig sind sie darin, denn ihnen ist verheißen, dass sie satt werden sollen. Gerechtigkeit sollen sie empfangen, nicht nur durchs Ohr, sondern leibliche Sättigung mit Gerechtigkeit soll ihnen widerfahren. Das Brot des wahrhaftigen Lebens sollen sie essen im zukünftigen Abendmahl mit dem Herrn. Um dieses zukünftigen Brotes willen sind sie selig; denn sie haben dieses Brot ja schon gegenwärtig. Der das Brot des Lebens ist, ist in all ihrem Hunger unter ihnen.“
(S. 60)

Friede wurde zum zentralen Thema für Bonhoeffer. Er ließ nicht gelten, dass die Gebote der Bergpredigt nur einen bestimmten Bereich des Lebens betreffen. Schon 1934 forderte er ein großes oekumenisches Konzil der weltweiten Heiligen Kirche Christi, damit sie den Menschen die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet.

Für kurze Zeit – in Folge eines Lehrverbotes – geht Dietrich Bonhoeffer nach London als deutscher Pfarrer, wurde dann Leiter des Predigerseminars in Finkenwalde. Dort entstand das Buch „Nachfolge“. Nachfolge – so schreibt er – sei die Lösung aller bisherigen Bin­dungen, sei stattdessen die Bindung an die Person Jesu Christi. Letztlich sei Nachfolge Leidenmüssen, das Leiden Gottes an der Welt zu teilen. Dieser ist nicht allmächtig, sondern offenbart sich in der Schwachheit, im Leiden, – bis zum Tod am Kreuz: Nur der leidende Gott kann helfen. Wie gut, dass wir in dieser Woche die Gelegenheit haben, uns dessen wieder bewusst zu werden! Auch wenn wir die Gemeinschaft unter einander heute beim Feierabendmahl nicht haben können, dürfen wir sicher sein, dass wir aus der Gemeinschaft mit (dem leidenden) Gott nicht fallen.

Nach der Schließung des Finkenwalder Predigerseminars und Reisen zu oekumenischen Partnern ging Dietrich Bonhoeffer in den Widerstand, – als Konsequenz seines theologischen Denkens. Er arbeitete inzwischen an seiner „Ethik“, einem Buch, das nicht mehr fertig geworden ist und das sein Freund Eberhard Bethge nach dem Krieg heraus­gegeben hat. Immer bedeutender wird Bonhoeffer die Frage, wie eine kommende Generation weiterleben kann. Als Aufgabe für die Menschen in der Nachfolge nennt er das Beten und (dann) das Gerechte zu tun.

Am 5. April 1943 wurde Bonhoeffer festgenommen. Zum Jahresende auf 1945 schreibt er die uns so wertvollen Zeilen „Von guten Mächten“. In seiner langen Haftzeit war er dank seines Gottvertrauens für manchen Häftling eine Beruhigung. Als Dietrich Bonhoeffer am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg erhängt wurde, sollen seine letzten Worte gewesen sein: „Dieses ist nicht das Ende, sondern der Anfang meines Lebens.“

Ich möchte gern noch auf dieser Erde für mehr Gerechtigkeit eintreten und hoffe, dass das Corona-Virus das einmal wieder mehr zulässt als im Augenblick möglich, aber ich freue mich auch auf das Mahl in Gottes ewiger Welt. Diese Freude möge uns durch diese Zeit tragen, denn

„Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

 

Bleiben Sie behütet!

Ihre Pfarrerin Erika Engelbrecht

Predigt über Mk 14,3-9 am 5. April 2020

Palmsonnntag – Jesus wird gesalbt

Die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

 

Liebe Gemeinde, heute ist Palmsonntag, der Tag, an dem wir uns an den Einzug Jesu nach Jerusalem erinnern. Es beginnt die Karwoche, die letzte Woche der Passionszeit, an deren Ende dann die Erinnerung an die Kreuzigung stehen wird. Mitten in den Ereignissen, die dem Tod Jesu vorangehen, wird im Markusevangelium eine kleine Begebenheit geschildert, ein kostbarer Moment, dem Jesus eine große Bedeutung zumaß: die Salbung Jesu durch eine namenlose Frau!

 

3 Jesus war in Betanien. Er war zu Gast bei Simon, dem Aussätzigen. Als er sich zum Essen niedergelassen hatte, kam eine Frau herein. Sie hatte ein Fläschchen mit Salböl dabei. Es war reines kostbares Nardenöl. Sie brach das Fläschchen auf und träufelte Jesus das Salböl auf den Kopf.

4 Einige ärgerten sich darüber und sagten zueinander: »Wozu verschwendet sie das Salböl? 5 Das Salböl war mehr als dreihundert Silberstücke wert. Man hätte es verkaufen können und das Geld den Armen geben.« Sie überschütteten die Frau mit Vorwürfen.

6 Aber Jesus sagte: »Lasst sie doch! Warum macht ihr der Frau das Leben schwer? Sie hat etwas Gutes an mir getan. 7 Es wird immer Arme bei euch geben, und ihr könnt ihnen helfen,

sooft ihr wollt. Aber mich habt ihr nicht für immer bei euch. 8 Die Frau hat getan, was sie konnte: Sie hat meinen Körper im Voraus für mein Begräbnis gesalbt. 9 Amen, das sage ich euch: Überall in der Welt, wo die Gute Nachricht weitergesagt wird, wird auch erzählt werden, was sie getan hat. So wird man sich immer an sie erinnern.«*

 

Ich sehe die Tischrunde vor mir: Jesus und sein Gastgeber, dessen Familie, Freunde, Jünger, gewiss auch Jüngerinnen. Ich stelle mir vor, dass gut gegessen und getrunken wird, dass alle sich angeregt unterhalten. Für einen Moment soll mal alles Bedrückende vergessen sein. Einfach nur unbeschwert zusammensitzen.

Aber wie das oft so ist, wenn alles besonders harmonisch sein soll, dann gibt es plötzlich eine Störung. Eine Frau bricht in die Gesellschaft ein, geht auf Jesus zu und salbt ihn mit kostbarem Nardenöl. Eine Frau dringt unangemeldet in den Raum ein und setzt sich über alle Konventionen hinweg. Gleich einer Prophetin im Alten Testament salbt sie Jesus wie einen König oder einen Propheten. Was nimmt sie sich nur heraus?

 

Ilona Schmitz-Jeromin nennt diesen Moment in einem Liedtext „kostbar“.

Kostbar war der Moment, als sie den Raum betrat,
das Salböl in den Händen, um Liebe zu verschwenden.

Kostbar war der Moment. Gepriesen, was sie tat.

Nun ist es vorbei mit der Harmonie. Die Bedenkenträger melden sich zu Wort. „Was soll an diesem Moment kostbar sein? Kostbar ist allein das Nardenöl.“

"Verschwendung" rufen die Ökonomen und rechnen vor: dreihundert Denare, das entspricht dem anderthalbfachen Jahreslohn eines Landarbeiters oder Tagelöhners.

"Frevel"  rufen die Jesusnachfolger: Wie vielen Armen hätte man helfen können, wenn man das Öl verkauft hätte. Das Passahfest steht vor der Tür, an dem sind die Gläubigen

besonders zum Almosengeben verpflichtet. Und hat nicht Jesus selbst gepredigt: „Geh, verkaufe, was du hast; gib’s den Armen.“?

Kostbar war der Moment, als sie mit leichtem Gang
die Mauer der Bedenken durchschritt, um Trost zu schenken.

Kostbar war der Moment, für sie ein Lobgesang.

Jesus wird deutlich: »Lasst sie doch! Warum macht ihr der Frau das Leben schwer? Sie hat etwas Gutes an mir getan. Es wird immer Arme bei euch geben, und ihr könnt ihnen helfen, sooft ihr wollt. Aber mich habt ihr nicht für immer bei euch. Die Frau hat getan, was sie konnte: Sie hat meinen Körper im Voraus für mein Begräbnis gesalbt.“

Ein kostbarer Moment für Jesus selbst. Er bestätigt die Salbung als Vorbereitung auf seinen Tod. Angesichts der auf ihn zukommenden Brutalität gibt sie ihm ein Zeichen der liebevollen Zärtlichkeit. Fast so, als wollte sie ihn mit der zärtlichen Berührung stärken für den schweren Weg. Die unbekannte Frau hat ein gutes Werk an Jesus getan. Sie hat ihn verstanden, anders als seine bekannten Jünger, die den Tod verdrängen wollten. Sie hat verstanden, was jetzt, in diesem Moment, dran ist, ohne die Kosten zu berechnen. Jetzt geht es nicht darum, Armen zu unterstützen .Jetzt geht es darum, in einer Zeit der Angst Nähe und Berührung erfahren zu lassen. Das verleiht ihr in den Augen Jesu eine besondere Bedeutung: „Überall in der Welt, wo das Evangelium weitergesagt wird, wird auch erzählt werden, was sie getan hat. So wird man sich immer an sie erinnern.“

 Kostbar war der Moment, als sie das Siegel brach
und Duft das Haus erfüllte, sie zärtlich Ängste stillte.

Kostbar war der Moment, Erinnerung wirkt nach.

Hat sie denn wirklich etwas Besonderes getan? Was könnten wir heute nicht mit einem großen Geldbetrag alles Gutes tun?

Bei unseren Partnern in Tansania etwa oder in griechischen Flüchtlingslagern.

Wie vielen durch die Korona-Krise ins finanzielle Aus geratenen Menschen könnte damit über die schlimmste Not hinweggeholfen werden?

Wie viel Schutzkleidung für medizinisches Personal könnte damit angeschafft werden?

Ich kann die Beschwerdeträger verstehen. Doch damit werde ich der Kostbarkeit des Moments nicht gerecht. Die Frau liebt und verehrt Jesus so sehr, das sie das Kostbarste, was sie hat, vielleicht ihr ganzes Vermögen, für ihn hergibt. Verschwenderisch gibt sie das her, weil es in diesem Moment nur auf diese Weise not-wendig und kostbar ist.

 

Liebe ist verschwenderisch. Wenn wir sie verschwenden, wird sie nicht weniger, sondern mehr. Dann breitet sie sich aus, wie der Duft des kostbaren Öls.

Der Kopf sagt Nein, aber die Liebe sagt Ja! „Herz über Kopf!“

In der Tat der namenlosen Frau spiegelt sich die Liebe Gottes wieder. Auch Gottes Liebe ist verschwenderisch. Auch Gottes Liebe ist unvernünftig - oder haben wir sie uns etwa verdient ? – und gerade darin ist sie unermesslich kostbar? Die Frau verschenkt mit dem Öl Gottes Liebe.

Kostbar war der Moment, als Jesus sie bewahrt,
sie schützte und sie ehrte, als sie Danke hörte.

Kostbar war der Moment, als Gott den Raum betrat.

„Die Erinnerung an diese Tat wünsche ich mir nicht nur in der ganzen Welt, sondern auch in den engen Wänden unserer Häuser und Wohnungen – möge auch dort der Duft der verschwenderischen göttlichen Liebe einziehen. Möge Gott so unseren Blick weiten über unsere engen Grenzen hinaus. Auch die Coronaprobleme sollen und können unser Leben nicht bestimmen, denn Gott hat mehr mit uns vor.  Möge Gott uns so Kraft geben für den Weg der vor uns liegt. Und wenn Sie mögen, riechen Sie an einen schönen Parfum oder machen sich eine Duftlampe an, um sich daran zu erinnern.

Die Frau mit der verschwenderischen Liebe, sie wusste, was Jesus brauchte. Gott weiß, was wir brauchen in den Tagen unseres Leidens. Daran sollen wir uns heute erinnern - "zu ihrem Gedächtnis".“ **

Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

*Übersetzung der BasisBibel

** aus einer Predigt von Susanna Kschamer in den Göttinger Predigten im Internet zum 05.04.2020

 

Kostbar war der Moment

Kostbar war der Moment, als sie den Raum betrat,
das Salböl in den Händen, um Liebe zu verschwenden.

Kostbar war der Moment. Gepriesen, was sie tat.

Kostbar war der Moment, als sie mit leichtem Gang
die Mauer der Bedenken durchschritt, um Trost zu schenken.

Kostbar war der Moment, für sie ein Lobgesang.

Kostbar war der Moment, als sie das Siegel brach
und Duft das Haus erfüllte, sie zärtlich Ängste stillte.

Kostbar war der Moment, Erinnerung wirkt nach.

Kostbar war der Moment, als Jesus sie bewahrt,
sie schützte und sie ehrte, als sie Danke hörte.

Kostbar war der Moment, als Gott den Raum betrat.

Liedtext von Ilona Schmitz-Jeromin in: „Singt Jubilate“ Nr 109; Gesangbuch der Evgl. Kirche Berlin/Brandenburg/Lausitz

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